Was andere zur Pflegesituation sagen

Presse, soziale Medien und andere Fundstücke

Gemeinsam und mit langem Atem: Pflege in ländlichen Räumen stärken – Rückblick auf Fachtagung

10-Punkte-Programm enthält die wichtigsten identifizierten Handlungsfelder zur Stärkung der Pflege vor Ort in ländlichen Regionen

Das Region gestalten-Projekt „Stärkung von bedarfsorientierten Pflegestrukturen in ländlichen und strukturschwachen Regionen“ hat ein wichtiges Etappenziel erreicht. Am 19. Januar 2022 wurden der Öffentlichkeit erstmals Zwischenergebnisse des Projekts präsentiert. Das bei der Fachtagung vorgestellte 10-Punkte-Programm enthält die wichtigsten identifizierten Handlungsfelder zur Stärkung der Pflege vor Ort in ländlichen Regionen. Als eines von zahlreichen Praxisbeispielen aus den verschiedenen Regionen Deutschlands stellte Engelbert Sittler, Vorstand des Vereins Miteinander-Füreinander, die vielfältigen Aktivitäten der Nachbarschaftshilfe in der oberschwäbischen Gemeinde Herdwangen-Schönach vor. Seine Ausführungen verdeutlichten, welche wichtige Rolle ehrenamtliche Angebote für pflegebedürftige Menschen haben und wie Kommunen hierbei gezielt unterstützen können.

Die bestmögliche Unterstützung von pflegebedürftigen Menschen gemäß ihren Bedarfen und Wünschen, stellt gerade in ländlichen, strukturschwachen Regionen eine große Herausforderung dar. Was sind dabei die größten Hindernisse? Welche Lösungen und Ideen gibt es bereits auf kommunaler Ebene? Welche Akteure müssen einbezogen werden und möglichst eng zusammenwirken? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Fachtagung „Pflege in ländlichen Räumen stärken“ die im Rahmen des o.g. Projekts in hybrider Form mit 300 Vertreterinnen und Vertretern von Landkreis- und Gemeindeverwaltungen, Sozialträgern und Pflegeeinrichtungen, ehrenamtlichen Initiativen, Verbänden sowie sonstigen Behörden aus dem ganzen Bundesgebiet stattfand.

Gleichwertige Lebensverhältnisse – mehr als das Glasfaserkabel bis zu jeder Milchkanne

Ein Drittel aller Landkreise in Deutschland ist anerkannten Kriterien zufolge als ländlich und zugleich strukturschwach einzuordnen, gleichzeitig leben in diesen Landkreisen viele Millionen Menschen. Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern und für Heimat, verdeutlichte zu Beginn der Tagung, warum das Tagungsthema auch für ihr Ressort wichtig ist. „Bei dem Verfassungsauftrag der gleichwertigen Lebensverhältnisse, dem sich die Bundesregierung stellt, geht es nicht nur um den Handyempfang, das Glasfaserkabel bis zu jedem Haus oder die Unternehmensansiedlungen. Es geht in einer Gesellschaft, in der Menschen glücklicherweise immer länger leben, dabei auch um das Thema Pflege – denn gute Pflegestrukturen brauchen wir alle, egal ob jung oder alt.“ Staatssekretärin Seifert betonte, dass es dabei in ländlichen Räumen, in denen die Distanzen größer sind, besondere Herausforderungen gäbe. „Sich dieser anzunehmen, ist eine gemeinsame Aufgabe, für die wir alle einen langen Atem brauchen“, so Staatssekretärin Seifert.

Landkreise möchten sich noch mehr im Pflegebereich engagieren

Dr. Ute Stark und Michael Plazek von der beauftragten KPMG AG verdeutlichten bei der anschließenden Vorstellung der Studienergebnisse, dass sich die große Mehrzahl der Landkreise bereits in unterschiedlichen Formen und Umfängen im Pflegebereich engagieren. „90% der Landkreise wünschen sich den Ergebnissen der bundesweiten Landkreisbefragung zufolge allerdings noch größere Einflussmöglichkeiten auf die Pflegestrukturen in ihrem Kreisgebiet.“, so Plazek. Landkreise in ländlichen strukturschwachen Gebieten hätten dabei erschwerte Rahmenbedingungen. Diese Landkreise nehmen deutlich häufiger Angebotslücken vor Ort bei der Versorgung Pflegebedürftiger wahr. Zudem verfügen sie im Vergleich zu Landkreisen in städtischen oder strukturstarken Regionen meist über weniger Personalressourcen in der Kreisverwaltung, die sich sozialplanerisch mit dem Themenbereich Pflege beschäftigen.

Ohne Ehrenamt geht es nicht – und ohne Würdigung dessen auch nicht

Das präsentierte 10-Punkte-Programm adressiert neben wichtigen strukturellen Voraussetzungen in den Landkreisen, wie hauptamtliche Ansprechpartnerinnen und -partner für Planungs- und Koordinationsaufgaben, Netzwerkarbeit und ein strategisches Fördermittelmanagement, auch zentrale Handlungsfelder, die die Landkreise in ländlichen Räumen gezielt angehen sollten. Ergänzend zur Unterstützung adäquater pflegerischer Leistungsangebote, der gemeinsamen Bekämpfung des Fachkräftemangels, der Schaffung infrastruktureller Voraussetzungen und digitaler Angebote wird auch die Stärkung der familiären und ehrenamtlichen Pflege hervorgehoben. Ute Stark betonte: „Unsere Studienergebnisse zeigen: Ohne Ehrenamt und ohne pflegende Angehörige geht es selbst in einer so wohlhabenden Gesellschaft wie der unseren nicht. Sie übernehmen in vielen ländlichen Regionen gerade im Bereich der Alltagsunterstützung und Betreuung einen Großteil der Aufgaben, von denen wir alle im Falle der Pflegebedürftigkeit letztendlich abhängig sind.“

Wie das in der Praxis funktionieren kann, verdeutlichte Engelbert Sittler, ehemals langjähriger Lehrer für Pflegeberufe und nun Vorstand des Vereins Miteinander-Füreinander, einer ehrenamtlichen Nachbarschaftshilfe in der Gemeinde Herdwangen-Schönach mit rund 3.300 Einwohnern im oberschwäbischen Landkreis Sigmaringen. Der Verein ist vor rund 15 Jahren auf der Grundlage der damaligen Seniorenkonzeption der Gemeinde entstanden: „Unsere Gemeinde hat in diesem Rahmen die Bürgerinnen und Bürger direkt befragt, was Ihnen als Unterstützung im Alter am wichtigsten sei. Angebote der Nachbarschaftshilfe und eine Wohngemeinschaft für pflegebedürftige Menschen waren die mit Abstand häufigsten Antworten.“

Kurz danach wurde der Verein gegründet und direkt die ersten Angebote der klassischen Nachbarschaftshilfe etabliert. Hierzu zählen auch heute noch neben ehrenamtlichen Haushaltshilfen für Pflegbedürftige zum Beispiel die Begleitung von Arztbesuchen mit Fahrdiensten, Unterstützung bei Gartenarbeiten und Winterdiensten sowie das Angebot von Seniorennachmittagen und einer Betreuungsgruppe für demente und hilfsbedürftige Menschen zum Austausch. Rund 160 Mitglieder und mehr als 30 geschulte ehrenamtliche Helferinnen und Helfer hat der vor Ort tätige Verein derzeit. Sittler selbst macht besonders die Arbeit mit der Betreuungsgruppe Spaß, die er seit seinem aktiven Ruhestand leitet und in dessen Rahmen er auch immer wieder Erfahrungen aus seiner langjährigen Lehrtätigkeit an die pflegenden Angehörigen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer weitergeben könne.

Die bei der Fachtagung präsentierten bundesweiten Studienergebnisse zeigen, wie wichtig es für ein nachhaltig aufrechterhaltendes Engagement ist, dass man als Kommune ehrenamtlich Tätige für ihre wichtige Rolle auch regelmäßig würdige. Engelbert Sittler drückte es so aus: „Als unsere Landrätin vor drei Jahren zu einem unserer Seniorennachmittage gekommen ist, war das eine große Ehre und auch Anerkennung für uns alle.“

Ehrenamt kommunal unterstützen – wie es gehen kann

Die Beratung bei behördlichen Belangen, etwa bei der Beantragung von öffentlichen Fördermitteln, oder bei regulatorischen Fragen, wie im Hinblick auf die Zulassungsvoraussetzungen von ehrenamtlichen Fahrdiensten, kann den Studienergebnissen zufolge ehrenamtliche Initiativen sehr entlasten. Zudem können Schulungs- und Vernetzungsangebote oder die Ausgabe von Ehrenamtskarten zur Förderung des ehrenamtlichen Engagements beitragen. „Dass die Gemeinde uns neben der allgemeinen finanziellen Unterstützung für die Treffen der Betreuungsgruppe und für unser Senioren-Café das alte Rathaus kostenlos zur Verfügung stellt und dort auch eine Küche eingebaut hat, die wir zum gemeinsamen Kochen nutzen können, ist eine große Hilfe“, so der Vereinsvorsitzende ergänzend. Auch die Anbindung an das Pflegenetzwerk des Landkreises Sigmaringen mit seinen vielen beteiligten Akteuren sei für den Verein immer sehr wichtig gewesen.

Dass man manchmal den von Staatssekretärin Seifert angesprochenen langen Atem brauche, kennt auch Sittler: „Dieses Jahr wird nun in unserer Gemeinde nicht nur eine neue Begegnungsstätte geschaffen, sondern wir haben auch Baubeginn für die ambulant betreute Wohngemeinschaft. Der Nachbarschaftshilfeverein wird diese zusammen mit Kooperationspartnern betreiben und damit auch diesen bereits vor vielen Jahren von unseren Bürgerinnen und Bürgern artikulierten Wunsch erfüllen. „Mitten in der Gemeinde mit direktem Blick auf Rathaus und Kirche wird die Wohngemeinschaft ihren Platz finden“, sagt Sittler stolz.